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Kinofilme im Januar 2012

Film-Inhalte



(Ein Klick auf den Titel führt zum 1. Vorführtermin des Films in der Programmübersicht)



Submarine

Oliver Tate, 15 Jahre alt, möchte dem dürftigen Liebesleben seiner Eltern auf die Sprünge helfen. Doch Papa versinkt in Schwermut und Mama bandelt mit einem geschäftstüchtigen Esoteriker an. Außerdem würde Oliver gern die schöne Jordana verführen – und zwar allein mit seinem Intellekt! Oliver ist eine herrlich durchgeknallte Type, die in einem verregneten Nest an der Küste von Wales mit Dufflecoat, Pilzkopf und unbewegter Miene durchs Minenfeld amouröser Verwicklungen stapft und sich mit grotesk gestelzten Sätzen über die fiesen Niedrigkeiten des Daseins erhebt. Und wie das in seinem Alter so ist, vertuscht er seine Unsicherheit mit altkluger Selbstüberschätzung, obwohl er das, was um ihn herum vorgeht, allenfalls halb versteht, oft aber falsch interpretiert. Kein Wunder in einer Phase, in der vieles ungewöhnlich ist, weil man es zum ersten Mal erlebt. Obwohl eher wortkarg, führt er als Erzähler in eigener Sache durch sein Leben und gerade dies macht den Film so amüsant, vor allem wenn die Kommentare und die Bilder auseinanderdriften.

GB 2010.
Regie + Buch: Richard Ayoade.
Mit Craig Roberts, Sally Hawkins, Paddy Considine.
94 Min.
www.submarine-film.de

Halt auf freier Strecke

Frank und Simone haben sich einen Traum erfüllt und leben mit ihren Kindern in einem Haus am Stadtrand. Ein glückliches Paar, bis zu dem Tag, an dem bei Frank ein inoperabler Hirntumor diagnostiziert wird. Die Familie ist plötzlich mit dem Sterben konfrontiert. Simone geht an die Grenzen ihrer Kraft, der 8-jährige Sohn kümmert sich liebevoll um den Papa, die pubertierende Tochter macht auf cool ... Dresen lotet die ganze Gefühlspalette aus, von der Wut auf das ungerechte Schicksal, die Angst vor dem Unausweichlichen, die Trauer um nicht verwirklichte Sehnsüchte bis hin zur Akzeptanz des baldigen Hinscheidens. Die kunstvoll erzeugte Alltäglichkeit, die den Charme von Dresens bisherigen Filmen ausmachte, ist in «Halt auf freier Strecke» nur schwer zu ertragen. Sie macht es fast unmöglich, sich vom Geschehen zu distanzieren. Für sein genau beobachtetes Drama wurde Dresen in Cannes mit dem Preis für den besten Film in der Kategorie «Un Certain Regard» ausgezeichnet.

D 2011.
Regie + Buch: Andreas Dresen + Cooky Ziesche.
Mit Milan Peschel, Steffi Kühnert, Inka Friedrich, Talisa Lilly Lemke, Otto Mellies.
110 Min.
www.halt-auf-freier-strecke.pandorafilm.de

Eine dunkle Begierde

In Zeiten des gesellschaftlichen Wandels arbeiten die beiden Psycho-Analytiker C. G. Jung und Sigmund Freud an Erkenntnissen, die das Denken revolutionieren sollen. Sabina Spielrein wird in Jungs Klinik eingeliefert. Sie ist schön, aggressiv, gebildet und leidet unter hysterischen Anfällen. Der verheiratete Wissenschaftler verliebt sich in sie und beginnt aufgrund dieser «therapeutischen Grenzverletzung » mit Freud zu korrespondieren. Die Analyse Spielreins endet, als ihre Beziehung bekannt zu werden droht. Jung lässt die Frau fallen, die daraufhin bei Freud vorspricht, um nun selbst Psychiaterin zu werden. In dieser fatalen Dreiecksbeziehung verschwimmen die Grenzen der Wissenschaft in einem Strudel der dunklen Begierden. In einem Machtkampf intellektueller Eitelkeiten werden aus den einstigen Freunden erbitterte Gegner.
Nach wahren Begebenheiten inszeniert David Cronenberg einen fulminanten Ritt durch Abgründe und Ambivalenzen von Analytikerseelen
GB / D / CDN / CH 2011.
Regie: David Cronenberg.
Mit Viggo Mortensen, Keira Knightley, Vincent Cassel.
99 Min.
www.einedunklebegierde.de

Nur für Personal!

Paris in den 1960er Jahren: Monsieur Joubert ist Börsenmakler und hat es in seinem Leben zu etwas gebracht. Als er sich mit der langjährigen Haushälterin verkracht und dieser kündigt wird das spanische Dienstmädchen Maria eingestellt. Der frische Wind bekommt dem gemächlichen Leben des Monsieur sehr gut und er verliebt sich in sie. Durch sie lernt er die 6. Etage seines Mietshauses kennen, in der eine Gruppe lebensfroher Exil-Spanierinnen wohnen. Seine Frau hat den Verdacht, dass ihr Mann eine Affäre mit einer vermögenden Klientin hat und wirft ihn raus. Also zieht er in die 6. Etage – weg von den sozialen Zwängen, Konventionen und unterkühlten Emotionen in seinem bisherigen Lebensumfeld. Mit tollen Schauspielern, großer Zärtlichkeit und viel Respekt für seine Figuren erzählt Le Guay vom Aufeinanderprallen zweier Welten. Es ist eine Hommage an die vielen spanischen Dienstmädchen, die eine ganze Generation von französischen Haushalten geprägt haben, schließlich hat eine von ihnen auch ihn selbst aufgezogen.

F 2010.
Regie + Buch: Philippe Le Guay.
Mit Fabrice Luchini, Sandrine Kiberlain, Natalia Verbeke, Carmen Maura, Lola Nuenas.
106 Min.
www.personal-derfilm.de

Sarahs Schlüssel

Paris im Juli 1942. Sarah, ein 10-jähriges jüdisches Mädchen, wird mit ihren Eltern mitten in der Nacht von der französischen Polizei zur Deportation aus ihrer Wohnung geholt. Verzweifelt schließt sie ihren kleinen Bruder in ihrem Geheimversteck hinter der Tapetentür im Schlafzimmer ein und verspricht, ganz schnell wieder bei ihm zu sein. Den Schlüssel nimmt sie mit, nicht ahnend, welche Katastrophe ihrer Familie und fast 20.000 weiteren verschleppten Pariser Juden bevorsteht. 67 Jahre später verwebt sich Sarahs Geschichte mit der von Julia Jarmond, einer amerikanischen Journalistin, die für einen Artikel die damalige Razzia und ihre furchtbaren Folgen recherchiert. Bei dieser Arbeit stößt sie auf das Schicksal einer jüdischen Familie, die aus der Wohnung vertrieben wurde, die seit Jahrzehnten der Familie ihres zukünftigen Mannes Bertrand gehört und in die sie nach ihrer Hochzeit einziehen wollte. Je mehr Wahrheit Julia ans Licht befördert, um so mehr erfährt sie über Bertrands Familie, über Frankreich und schließlich über sich selbst.
«Leidenschaftlich, bewegend und voller Wahrheit» beschreibt Le Figaro den Film nach dem Bestseller-Roman «Sarahs Schlüssel» von Tatiana de Rosnay.

F 2010.
Regie: Gilles Paquet-Brenner. Mit Kristin Scott Thomas, Mélusine Mayance, Niels Arestrup.
111 Min.
www.camino-film.com

Cheyenne - This must be the place

Um seine Langeweile zu vertreiben, kümmert sich der desillusionierte Punksänger Cheyenne nach seinem Ausstieg aus dem Musikgeschäft vor allem um seine Aktien. Erst die Nachricht, dass sein jüdischer Vater im Sterben liegt rüttelt ihn auf. Erschüttert reist er von Dublin nach New York. Doch als er ankommt, ist sein Vater bereits tot. Obwohl er ihm scheinbar nie nahe stand, beschließt er, dessen Lebenswerk zu Ende zu führen. Er will seinen Peiniger finden, den alten KZWärter und SS-Schergen Alois Lange aus Auschwitz, der sich in die USA abgesetzt hat. Und so beginnt Cheyenne im Hinterland Amerikas seinen eigenen Rachefeldzug. Dieser Film ist ein Roadmovie, wie es noch keines gegeben hat. Die Hauptrolle ist Oscar-Gewinner Sean Penn wie auf den Leib geschrieben. In der vor Einfällen und Ideen nur so strotzenden Verbeugung vor dem Kino der 1980er Jahre von Jonathan Demme und David Lynch und der Rockmusik von The Cure und Talking Heads spielen Oscar- Gewinnerin Frances McDormand und Leinwandlegende Harry Dean Stanton weitere tragende Rollen.
Die Musik stammt vom legendären Talking Head David Byrne, der in einer Gastrolle als er selbst zu sehen ist.

I / F / IE 2011.
Regie: Paolo Sorrentino. Mit Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Harry Dean Stanton, David Byrne.
118 Min.
www.delphi-film.com

Sommer der Gaukler

Sommer 1780: auf dem Weg nach Salzburg bleibt die Theatergruppe um Emanuel Schikaneder und seine treue Gattin Eleonore mangels Spielerlaubnis in einem Bergdorf hängen. Hier rumort es: Bergarbeiter rebellieren gegen den Stollenbesitzer und der Schauspieltruppe schwindet das Geld. Schikaneder fehlt dadurch die Inspiration und dann scheint auch noch seine eigene Frau mit einem der Schauspieler anzubandeln, ebenso die Wirtstochter mit dem Bergleute-Anführer und der Richter hat sich in ein junges Fräulein verguckt. Diese Ereignisse beginnen Schikaneder zu begeistern. Dies alles zusammen, so denkt er sich, ist grandioser Dramenstoff für sein «Weltentheater».
Dass sich bald auch noch der leibhaftige Mozart ankündigt, spornt ihn umso mehr an. Der barocke Augenschmaus wird getragen vom bayerischen bzw. allgäuer Dialekt und einem stimmigen Soundtrack aus Mozarts Klängen und Anleihen der Barockmusik.

D 2011.
Regie: Marcus H. Rosenmüller.
Mit Max von Thun, Lisa Maria Potthoff, Nicholas Ofczarek, Michael Kranz, Anna Maria Sturm.
110 Min.

Whores’ Glory

Kaum ein Thema ist so präsent, mit Vorurteilen und Verklärungen belastet wie die Prostitution. Die Dokumentation berichtet über drei Schauplätze: in Bangkok sitzen junge Frauen in einem Glaskasten, der Fishtank genannt wird. Auf der anderen Seite sitzen die Freier bei einem Drink. Das «gefischte Mädchen» wird per Nummer aufgerufen. In einem Prostituiertenviertel in Bangladesh kommen vom nahe gelegenen Bazar die Angestellten in der Mittagspause zu den Huren, die von ihren Besitzerinnen zu mehr Leistung angetrieben werden. Männer in schweren Geländewagen fahren in die «Zone», einem Straßenstrich in Mexico. Fast alle Frauen, die sich anbieten scheinen unter Drogen zu stehen. Zum Abschluss seiner Trilogie über Arbeit in der globalisierten Welt beschäftigt sich der österreichische Regisseur Michael Glawogger (Megacities, Workingman’s Death) mit der Prostitution. Ihm ist mit dezenten Bildern ein ergreifender, erschütternder Bericht gelungen.

A 2011.
Regie: Michael Glawogger.
118 Min.
www.whoresglory.de

Poliezei

Der Alltag der französischen Jugendschutzpolizei BPM (Brigade de Protection des Mineurs) besteht aus Verhaftungen junger Taschendiebe, Ermittlungen von Gewaltdelikten gegenüber Kindern und Vernehmungen von Jugendlichen. Aber auch aus Mittagspausen, in denen Eheprobleme erörtert werden, dem Zusammenhalt unter den Kollegen und Lachkrämpfen in den unmöglichsten Situationen. Die Polizisten stehen unter einem gewaltigen Druck und schaffen es nicht immer, ihr Privatleben davon unbeeindruckt zu lassen. Die Fotografi n Melissa dokumentiert im Auftrag des Innenministeriums die Polizeiarbeit.
Die Polizistinnen und Polizisten sind skeptisch, besonders der aufbrausende Fred kann sich damit nur schwer anfreunden. Die aus vielen zum Teil erschütternden Einzelschicksalen zusammengesetzte Geschichte beruht ausnahmslos auf wahren Fällen.

F 2011.
Regie: Maïwenn.
Mit Maïwenn Le Besco, Karin Viard, Marina Foïs, Sandrine Kiberlain.
127 Min.
www.poliezei-film.de

Rubbeldiekatz

Ein Job ist ein Job, sagt sich der arbeitslose Schauspieler Alexander, verwandelt sich in «Alexandra», schlägt alle Konkurrentinnen aus dem Feld und ergattert eine Frauenrolle in einem Hollywoodfi lm! Aber kann er in Pumps und ausgestopftem BH auf Dauer überzeugen? Mehr als ihm lieb ist! Sein Kollege beginnt ihn zu begrabschen, auch der Regisseur fi ndet ihn unwiderstehlich, Alex’ Ex-Freundin flippt aus, und seine ruppigen Brüder und deren durchgeknallter Kumpel mischen das Filmset auf. Alex würde seine falschen Locken am liebsten an den Nagel hängen, wenn es nicht längst zu spät wäre – er hat sich unsterblich in seine Partnerin verliebt. Schweighöfer mit Pumps und Lippenstift ist absolut umwerfend. Für Buck-Fans gibt es ausreichend lakonisches Potenzial, von der Tarantino-Persifl age bis zur gelungenen Hitler-im-Film- Parodie – vom rosaroten Elefanten in einer Hafenspelunke ganz zu schweigen.

D 2011.
Regie: Detlev Buck.
Mit Matthias Schweighöfer, Alexandra Maria Lara, Maximilian Brückner, Denis Moschitto, Max von Thun.
113 Min.
www.rubbeldiekatz-film.de

Jane Eyre

England Mitte des 19. Jahrhundert: Auf dem entlegenen, düsteren Landsitz Thornfield Hall fühlt sich die 18-jährige Gouvernante Jane Eyre zum ersten Mal in ihrem Leben anerkannt. Nach ihrer tragischen Kindheit und Jugend ist die junge, gebildete Frau dankbar über ihre Stelle als Erzieherin der kleinen Adele. Auch die gutmütige Haushälterin Mrs. Fairfax nimmt sie wohlwollend auf. Und selbst der Herr des Hauses, der unberechenbare Edward Rochester, findet bald Gefallen an Jane. Er schätzt ihre geradlinige Offenheit. Ungeniert genießt er es, eine junge, kluge Frau um sich zu haben, die es wagt, ihm ihre Meinung zu sagen. Eine nicht standesgemäße Liebe entspinnt sich zwischen beiden. Doch dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit überschatten ihr Glück.
Eine der ergreifendsten Liebesgeschichten der Weltliteratur in neuem Gewand! Dieser Stoff wurde bereits mehrfach verfilmt. Die unkonventionelle Protagonistin besteht ihre Feuerproben nicht, weil sie gut aussieht oder vermögend ist. Ihr Rüstzeug fürs Leben ist vielmehr ihr Mut, Entscheidungen zu treffen und dabei ins Ungewisse zu gehen, ihr Durchhaltevermögen, ihr Witz und ihre Beherztheit. Eine fesselnde Story über zwei starke Hauptfiguren und deren spannungsgeladene Beziehung.

GB 2011.
Regie: Cary Fukunaga.
Mit Mia Wasikowska, Michael Fassbender, Judy Dench, Sally Hawkins.
120 Min.
www.janeeyre.de

Im Weltraum gibt es keine Gefühle

Der 18-jährige Simon hat das Asperger- Syndrom – eine Unterform von Autismus – und braucht feste Strukturen, damit er zurecht kommt. Alles muss einem bestimmten Muster folgen – immer der gleiche Tagesablauf, die gleichen Mahlzeiten, die gleichen Klamotten – in wöchentlichem Rhythmus. Das hat sein Bruder Sam bisher immer erledigt. Er hat Simon Essen in Kreisform gekocht und ihm geholfen, die Menschen zu verstehen. Aber Sam ist über die Trennung von seiner Freundin so deprimiert, dass alles ins Wanken gerät und Simons Welt ins Chaos stürzt. Damit alles wieder normal wird, macht sich Simon auf eine Mission: eine neue Freundin für Sam zu finden. Unglücklicherweise weiß Simon nichts von der Liebe und versteht auch nichts von Gefühlen, aber er hat einen wissenschaftlich todsicheren Plan.
Ob die Schilderung der Asperger-Symptomatik allen wissenschaftlichen Erkenntnissen standhält, ist in dieser Komödie nebensächlich. Zumal gerade die Darstellung der Vorstellungswelt Simons überaus witzig und charmant geraten ist. Mittels eingefügter grafischer Elemente und computeranimierter Weltraumszenen gelingt der Sprung von der realen Welt in den gedanklichen Kosmos Simons ebenso plausibel wie nachvollziehbar.

S 2010.
Regie: Andreas Öhman.
Mit Bill Skarsgård, Martin Wallström, Cecilia Forss.
90 Min.
www.imweltraum.de

Und dann der Regen

Sebastián ist ein junger idealistischer Filmregisseur. Er hat sich vorgenommen, einen aufrichtigen Film über Christoph Kolumbus zu drehen. Sebastián ist entschlossen, den Mythos zu entlarven. Stattdessen will er zeigen, was Kolumbus in Gang gesetzt hat: Gier nach Gold, Sklavenhandel, entsetzliche Gewalt gegen die Ureinwohner. Costa, Sebastiáns Produzent, ist vor allem daran interessiert, dass der Film pünktlich und innerhalb des Budgets abgedreht wird. Costa wählt als Drehort Bolivien – günstige Kosten schieben die historische Genauigkeit etwas in den Hintergrund. Doch während der Dreharbeiten in Cochabamba drohen soziale Unruhen. Die Wasserversorgung der Stadt ist an einen multinationalen Konzern verkauft worden. 500 Jahre nach Kolumbus kommt es erneut zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen der indianischen Bevölkerung und einer hochgerüsteten modernen Armee. Das Drehteam von Sebastián und Costa kann dem aktuellen Konflikten kaum ausweichen: Ausgerechnet ihr indianischer Hauptdarsteller Daniel ist einer der Anführer des Wasseraufstands … Vor dem wahren Hintergrund des «Wasserkrieges» von Cochabamba im Jahr 2000 entwickelt sich eine brillant konstruierte Geschichte um Ausbeutung, Mut und Ideale. MEX / E / F 2010. Regie: Icíar Bollaín. Mit Gael García Bernal, Luis Tosar, Juan Carlos Aduviri, Karra Elejalde. 103 Min. www.und-dann-der-regen.de

Der Fall Chodorkowski

Nowosibirsk am 25. Oktober 2003. Eine russische Spezialeinheit stürmt den Privatjet von Michail Borissowitsch Chodorkowski. So endet abrupt die Karriere des reichsten Manns Russlands. Aus dem Chemiestudenten jüdischer Herkunft, dem Komsomol- Aktivisten und ersten Gründer einer russischen Privatbank wird schnell ein einflussreicher Banker und Geschäftsmann, der von Gorbatschow und Jelzin protegiert wird. Chodorkowski übernimmt die Mineralölfirma YUKOS, die er nach westlichem Vorbild transparent führt. Dabei wird er immer reicher und mächtiger. Er gründet Stiftungen wie «Offenes Russland» und unterstützt die politische Opposition. Als er sich öffentlich mit Präsident Putin anlegt und die Amerikaner bei YUKOS mit ins Boot holt, wird es dem Kreml zu viel. Nach einigen Warnungen und Einschüchterungsmanövern lässt der Staat Michail Chodorkowski wegen Korruption und Steuerhinterziehung verhaften und verurteilen.
Bis voraussichtlich 2016 sitzt er noch in Haft. Für viele ist er der prominenteste politische Gefangene in Russland, andere nennen ihn schlicht einen Kriminellen. Wie gut kennen wir eigentlich die politischen (Macht)-Verhältnisse im Russland von heute? Fünf Jahre lang recherchierte und drehte Cyril Tuschi in Russland, Deutschland, Israel und den USA. Er interviewte Zeitzeugen, Freunde, Kritiker und Familienmitglieder Chodorkowskis. Am Ende des Films spricht Chodorkowski aus seiner Zelle direkt in die Kamera. Schon vor der Premiere auf der Berlinale 2011 sorgte der Dokumentarfilm für Schlagzeilen: Aus dem Büro des Regisseurs wurden Festplatten gestohlen, auf denen sich eine Kopie des Films befand. Ob der russische Geheimdienst die Vorführung verhindern wollte, ist bis heute ungeklärt.

D 2011.
Regie: Cyril Tuschi.
Mit Michail Chodorkowski, Pavel Chodorkowski, Marina Chodorkowskaya, Lena Chodorkowskaya, Anton Drel.
111 Min.
www.derfallchodorkowski.de

The Artist

George Valentin ist der Superstar des großen Hollywood-Kinos der 20er Jahre. Dem unvergleichlichen Charmeur und Draufgänger fliegen die Herzen des Publikums zu. Er genießt und zelebriert seinen Ruhm und entdeckt wie im Vorbeigehen das Talent der jungen Statistin Peppy Miller. Doch mit dem Wendepunkt vom Stummfilm zum Tonfilm stehen die beiden Schauspieler plötzlich zwischen Ruhm und Untergang. Valentin will nicht wahrhaben, dass der Tonfilm seine Karriere zu überrollen droht. Für Peppy Miller aber bedeutet die neue Technik den Durchbruch: Das Sternchen wird zum gefeierten Kinostar! In Zeiten von 3D-Kino und Spezialeffekten gibt es Kino wie in den 1920er Jahren. Im Verzicht auf Farbe und auf gesprochene Dialoge bringt der Film die Gefühle der größten Epoche des Kinos auf unsere Leinwände. Ihre unbändige Freude am Spiel, ihre hinreißende Eleganz und ihren Witz, Tragik und Poesie. Mit rein filmischer Bildkraft, die jeden unmittelbar berührt.
«The Artist» lebt überdies von seiner detailreichen Mimikry der Stummfilm ära. Musik, Bildsprache und Lichtsetzung erschaffen im Zusammenspiel mit den Darstellern die perfekte Illusion. Dabei spielt Hazanavicius immer wieder auf sehr fantasievolle Art mit den Gesetzmäßigkeiten des Stummfilms (Stichwort: Wasserglas) und dem anstehenden Wechsel in ein neues Kinozeitalter. In nicht wenigen Augenblicken ist die Geschichte unprätentiöses, intelligentes Meta- Kino. Der dramatische Übergang von den «Goldenen Zwanziger» in die Weltwirtschaftskrise von 1929 liefert schließlich die Kulisse für ein unkonventionelles, vollauf geglücktes Kinoexperiment.

F 2011.
Regie: Michel Hazanavicius.
Mit Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Ed Lauter, Beth Grant, Ken Davitian, Bitsie Tulloch, Bob Glouberman.
100 Min.
www.theartist-derfilm.de

Der Gott des Gemetzels

Als Theaterstück (von Yasmina Reza) war «Gott des Gemetzels» gerade der Renner auf deutschen Bühnen, auch am Theater Ravensburg. Die Story ist einfach: Zwei Buben verhauen sich auf dem Schulweg und nun besuchen die Eltern des einen die Eltern des anderen, um den Streit und deren Folgen auf zivilisierte Weise zu klären. Was mit einem harmlosen Tässchen Kaffee beginnt, endet unter Einfluss von 18 Jahre altem Whiskey im Chaos. Enthüllungen, gegenseitige Beschuldigungen, auch zwischen den Ehepartnern, Beleidigungen und charakterliche Selbstentblößungen gipfeln in verkotzten Kunstbänden und in einem in der Blumenvase versenkten Handy. Es geht schon lange nicht mehr um die zwei Zähne des einen Jungen. Die beiden spielen unterdessen längst wieder miteinander. Ob wir tatsächlich alle Tiere oder Egoisten sind und ob Männer sich auf den John Wayne-Typus reduzieren lassen, bleibt offen und diskutabel. Derweil macht diese überraschende Enthüllung wahrer Persönlichkeitszüge durchgehend viel Spaß. Bei diesem humorigen Quartett-Spiel stellt sich die Frage, wer wen sticht. Jeder darf jeden einmal stechen.

F 2011.
Regie: Roman Polanski.
Mit Christoph Waltz, Jodie Foster, Kate Winslet, John C. Reilly.
79 Min.
www.gottdesgemetzels.de


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